Genießt sowohl in Braunschweig als auch am Millerntor Kultstatus: Michél Dinzey. Grafik: Vollmer

Braunschweig. Am kommenden Samstag (13.00) empfängt Eintracht Braunschweig den FC St. Pauli. Können die Löwen gegen die derzeit ebenfalls krisengeschüttelten Kiezkicker in die Spur? Wir sprachen mit Michél Dinzey, der als Spieler bei beiden Klubs Kultstatus erlangte. Von Henrik Stadnischenko

Geprägt von Emotionen

Was zeichnet einen Fan, egal welcher Sportart und egal, welcher Vereinszugehörigkeit, aus? Die gelebte Emotionalität! Ohne Emotionen würden ein Sieg oder eine Niederlage rein gar nichts in der Gefühlswelt des jeweiligen Anhängers auslösen. Die Spielweise von Michél Dinzey als aktiver Fußballer war ebenfalls geprägt von Emotionen. Mehr noch, sie sorgte bei den Fans zweier Klubs dafür, dass die Emotionalität nach oben knallte. Am kommenden Samstag treffen mit Eintracht Braunschweig und dem FC St. Pauli jene zwei Mannschaften aufeinander. Im Vorfeld sprachen wir mit dem ehemaligen Mittelfeldspieler ganz neutral und emotionslos, wir versuchten es zumindest.

Das Wort “Abstiegsduell” suggeriert, dass sich zwei Teams in einer extrem brenzligen Situation befinden. Von brenzliger Situation vor dem 10. Spieltag zu sprechen, es wäre ein wenig zu hoch gegriffen, aber wenn man sich an die augenblicklichen Fakten hält, ist die am Samstagnachmittag stattfindende Partie zwischen Eintracht Braunschweig und dem FC St. Pauli das Duell zweier Kellerkinder. Während die Kiezkicker seit dem zweiten Spieltag auf einen Sieg warten und derzeit Tabellenplatz 17 belegen, ist die Eintracht erst seit drei Partien ohne Sieg und findet sich auf Rang 16 wieder.

Eintracht und St. Pauli, beide Vereine trägt Michél Dinzey im Herzen und das beruht nicht auf einer Einseitigkeit. In Braunschweig spielte sich Dinzey in 66 absolvierten Partien zum Publikumsliebling, war mitbeteiligt, dass der BTSV in der Saison 2003/2004 bis ins Achtelfinale des DFB-Pokals stürmte. Beim FC St. Pauli genießt er einen noch höheren Status als in der hiesigen Löwenstadt. Die Pauli-Anhänger wählten den ehemaligen Spielmacher in die Jahrhundertelf.

“Vorsicht: Negativ-Spirale!”

Vor dem direkten Duell seiner Ex-Teams fällt ihm nur ein Wort zur derzeitigen Tabellensituation ein – katastrophal. „Ich hätte mir ehrlich gewünscht, wenn mehr Ruhe herrschen und ein Blick auf die Tabelle Entspannung hervorrufen würde. Sowohl St. Pauli als auch die Eintracht müssen aufpassen, nicht in eine Negativ-Spirale zu rutschen. Wobei ich bei St. Pauli eigentlich sehr optimistisch bin, dass sie schnell aus dem Keller kommen werden, weil sie wirklich sehr attraktiven Fußball spielen können und auch wollen. Nur fehlte zuletzt die Konzentration und das Quäntchen Glück“, so der 48-Jährige.

Als wir ihn um eine ehrliche Einschätzung zur Eintracht bitten, muss Dinzey erst einmal kräftig durchatmen. Die Sorge um seinen Ex-Verein merkt man ihm an und es wirkt auch so, als wäre sie nicht gespielt. „Ich drücke es mal vorsichtig aus, momentan hat die Mannschaft im Kollektiv versagt. Wenn man so weitermacht, wie bisher, muss man aufpassen, dass man bis zur Winterpause nicht einen großen Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz hat“, sagt der gebürtige Berliner.

“Der Erfolg im Pokal hat geblendet”

Den Grund in der Misere sieht der Ex-Profi ausgerechnet im größten Erfolg der bisher noch recht jungen Spielzeit – dem 5:4-Sieg im DFB-Pokal gegen Hertha BSC Berlin. „Ich glaube der Erfolg im Pokal und die Aufstiegs-Euphorie haben dafür gesorgt, dass Spieler, wie auch handelnde Personen im Verein geblendet wurden. Natürlich sorgt so ein Erfolg dafür, dass du einen Höhenflug verspürst und glaubst die anstehende Zweitligasaison wird entspannt verlaufen. Jedoch ist die zweite Liga extrem brutal. In der dritten Liga wird dir ein Fehler im Spielaufbau oder in der Rückwärtsbewegung vielleicht verziehen, in der zweiten Liga hast du wirklich abgezockte Spieler, die nur darauf warten, dass du einen Fehler machst. Auch wenn es jetzt hart klingt, wenn du als Profi nicht in der Lage bist dich mental auf diese Situation vorzubereiten oder sie anzunehmen, dann hast du in der zweiten Liga nichts zu suchen“, macht Dinzey unmissverständlich klar.

Die derzeit aufkommende Kritik, dem Kader fehlen zweitligaerfahrene Profis, kann die ehemalige Nummer 17 nachvollziehen. „Ich verfolge die Berichterstattung um die Eintracht sehr intensiv, und lese natürlich davon, dass der Verein finanzielle Probleme hat und deshalb keine großen Sprünge machen kann, aber es gibt so viele vereinslose Spieler, die dem Verein auf jeden Fall helfen könnten und sich dann hinzustellen, diese Jungs wollten aus finanziellen Gründen nicht kommen, halte ich für eine verdammt schlechte Ausrede. Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen, als vereinsloser Spieler will man auf den Platz, man will endlich wieder kicken. Ich war damals einfach nur dankbar, dass mir die Eintracht die Chance gab, wieder Fußball spielen zu dürfen. Ich bin davon überzeugt, wenn ich Überzeugungsfähigkeit an den Tag lege und dem Spieler aufzeige, was ich mit ihm vorhabe, schaffe ich es sogar Profis zu verpflichten, die finanziell bisher nicht in meine Schublade gepasst haben“, so Dinzey.

“Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen, als vereinsloser Spieler will man auf den Platz, man will endlich wieder kicken. Ich war damals einfach nur dankbar, dass mir die Eintracht die Chance gab, wieder Fußball spielen zu dürfen. Ich bin davon überzeugt, wenn ich Überzeugungsfähigkeit an den Tag lege und dem Spieler aufzeige, was ich mit ihm vorhabe, schaffe ich es sogar Profis zu verpflichten, die finanziell bisher nicht in meine Schublade gepasst haben.” Michél Dinzey

“Der Mannschaft fehlen richtige Leader”!

Natürlich wäre es jetzt leicht auf die Mannschaft ein Trommelfeuer von Kritik loszulassen, ihr alles abzusprechen, sie als künftigen Absteiger zu betiteln. Doch würde dies etwas in der momentanen Situation ändern? Wahrscheinlich nicht. Trotzdem muss an dieser Stelle die Frage gestellt werden, ist das Problem nicht die fehlende Führungsstärke, denn die fehlende Qualität? Oder anderes gefragt, fehlen der Mannschaft richtige Leader, Michél Dinzey? „Dass Leader in der Mannschaft fehlen, sieht man an der Situation um Felix Dornebusch. Er macht keine großen Patzer, aber er wirkt unsicher, teilweise ängstlich in seinen Aktionen. Man sieht die Angst davor, einen Fehler machen zu können. Das verunsichert seine Vorderleute. Das Problem: Seine Vorderleute sind auch keine klassischen Leader, ansonsten würden diese Dornebusch hochziehen und ihm Stabilität verleihen. Natürlich besitzt die Mannschaft mit Felix Kroos, Dominik Wydra und Benjamin Kessel drei Führungsspieler, Jasmin Fejzic zähle ich auch noch dazu. Nur was passiert, wenn diese Spieler genug mit sich zu kämpfen haben, mal einen schlechten Tag erwischen? Dann hast du im schlimmsten Fall einen einzelnen Leader, der das Ruder herumreißen soll, das ist unmöglich“, ist sich der 48-Jährige sicher.

„Jeder Einzelne sollte sich bewusst machen, dass man als Fußballprofi extrem privilegiert ist. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen in Braunschweig durch Corona genau in diesem Moment Gehaltseinbußen hinnehmen müssen, ihren Job verloren haben oder nicht wissen, wie sie im nächsten Monat die Miete bezahlen können und genau diese Menschen sind es, die sich von Herzen eine Solidaritäts-Dauerkarte kaufen, nur damit es ihrem Verein gutgeht.” Michel Dinzey

“Daniel Meyer mit Ahnung und einer Spielidee!”

Im Rahmen unseres Gesprächs appelliert Dinzey auch an die Moral der Spieler. „Jeder Einzelne sollte sich bewusst machen, dass man als Fußballprofi extrem privilegiert ist. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen in Braunschweig durch Corona genau in diesem Moment Gehaltseinbußen hinnehmen müssen, ihren Job verloren haben oder nicht wissen, wie sie im nächsten Monat die Miete bezahlen können und genau diese Menschen sind es, die sich von Herzen eine Solidaritäts-Dauerkarte kaufen, nur damit es ihrem Verein gutgeht. Jedem einzelnen Fan sollte ich als Spieler diesen Respekt erweisen und mich dementsprechend auf dem Platz verhalten“, betont der Ex-Löwe, dem es zu weit geht, dass bereits eine Entlassung von Cheftrainer Daniel Meyer gefordert wird.

„Primitiv gesprochen: Der Trainer ist immer die ärmste Sau. Der Eindruck den Daniel Meyer vermittelt, zeigt, dass er Ahnung hat und auch eine Idee, wie er spielen lassen will. Ich glaube, wenn man ihm die Ruhe gibt, kann er in Braunschweig auch etwas Langfristiges aufbauen. Trotzdem muss man kritisch hinterfragen und da spreche ich auch Sportdirektor Peter Vollmann an, ob die Spieler, die man verpflichtet hat und die, die sich bereits im Kader befunden haben, wirklich die richtigen Spieler sind, um den Klassenerhalt zu schaffen. Wenn das nicht der Fall ist, dann müssen sie zusehen, dass sie möglichst schnell gegensteuern“, sagt Dinzey, der zum Abschluss des Gesprächs noch einen Wunsch hat. „Genauso wie ich erwarte, dass jeder Eintracht-Fan seine Mannschaft bedingungslos unterstützt und nicht gegen einzelne Spieler hetzt, erwarte ich dass wir eine Mannschaft auf dem Feld sehen, die wirklich Bock hat mit dem Eintracht-Trikot aufzulaufen, die sich zerreißt, die fightet, die selbst bei einem Rückstand nicht aufgibt. Wenn wir diese Symbiose schaffen, dann schaffen wir auch den Klassenerhalt, denn im Chinesischen hat die Krise das gleiche Schriftzeichen wie die Chance.“

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