Karl-Heinz Handschuh war in den heißen 70ern einer der unterschätzten Spieler bei der Eintracht. Foto: Hartmut Neubauer

Braunschweig. Fragt man die Eintracht-Fans, welche Spieler mit ihren Fähigkeiten das Braunschweiger Spiel geprägt haben, fallen viele Namen. Doch es gibt auch ehemalige Akteure, die scheinbar immer wieder untergehen. Dies ist die Geschichte eines Spielers, der zu seiner aktiven Zeit zu den schnellsten, kreativsten und vielzeitigsten Profis gehörte, die in der Bundesliga aufliefen und es trotzdem nie in die Nationalmannschaft schafften. Es ist die Geschichte von Karl-Heinz Handschuh. Von Henrik Stadnischenko.

“Er muss spielen, ansonsten haben wir keine Chance!”

Was ist die größte Anerkennung für einen ehemaligen Fußballprofi? Von den Fans in ihren Gesängen gefeiert zu werden? Sind es die Ex-Mitspieler, die sagten: “Mit ihm hätten wir die Meisterschaft geholt”? Dind es die Worte, die Branko Zebec zu Lebzeiten wählte: „Egal, wo er spielt, er muss spielen, ansonsten haben wir keine Chance“. Oder ist es letztenendes doch die Anerkennung, die man gegenüber sich selbst haben kann, wenn man auf die eigene Karriere zurückblickt und sich sagt: “Der kleine Dorfjunge hat es geschafft.”?

Der VfB Reichenbach in der Region Stuttgart feiert in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen. Ein Teil seiner Geschichte besteht auch aus Karl-Heinz Handschuh. Jener Spieler, den es über den VfB Reichenbach und den VfB Stuttgart 1974 nach Braunschweig zur Eintracht zog, und über den man nicht genau weiß, welche Rolle er im Spiel einnahm. Linksaußen, Spielmacher, Mittelstürmer. Was war er denn nun?

„Eigentlich wollte ich immer Libero spielen, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich als Libero keine Tore schießen und vor allem nicht Tore auflegen kann. Mein Offensivdrang hat mein Spiel stets geprägt. Egal, wo mich die Trainer aufstellten, ich habe den Abschluss zum Tor gesucht“, erklärt der mittlerweile 72-Jährige, dessen Tore und Vorlagen mitunter dafür sorgten, dass Mitte der Siebziger Jahre die Braunschweiger Eintracht zu den stärksten Bundesligamannschaften gehörte.

“Du unterschreibst bloß nicht in Berlin!”

Dabei wäre es um Haaresbreite gar nicht zum Wechsel in die Löwenstadt gekommen. Der Mittelfeldspieler trainierte im Sommer 1974 zur Probe bei Tennis Borussia Berlin mit. TeBe Berlin war damals, wie die Eintracht, in die Bundesliga aufgestiegen. Die Berliner wollten im Fußball-Oberhaus groß angreifen und verpflichteten zuvor bereits Italien-Legionär Karl-Heinz Schnellinger.

Dass es Handschuh Schnellinger nicht gleichmachte und bei den Berlinern unterschrieb, erklärt Handschuh mit einem ‚telefonischen Mitternachtsgespenst‘: „Meine Frau und ich weilten für Verhandlungen mit TeBe in einem Hotel in West-Berlin. Am nächsten Tag sollte ich eigentlich unterschreiben, als kurz vor Mitternacht das Telefon klingelte. Man erschreckt sich, wenn um 0 Uhr das Telefon klingelt, und noch mehr, wenn dann Branko Zebec am anderen Ende dran ist. Das erste, was Zebec sagte, war: ‘Du unterschreibst bloß nicht in Berlin, sondern kommst zu uns nach Braunschweig’. Ich fragte ihn, woher er wisse, dass mich TeBe verpflichten wolle, denn das wussten wirklich nur eine Handvoll Menschen. Daraufhin erwiderte Zebec in seinem markanten Ton: ‘Ich weiß alles, und Espanyol Barcelona sagst du auch gleich ab, das Geld kriegst du nie aus dem Land’.”

“Wenn Zebec so mit dir redet, tust du lieber das, was er dir sagt“, erklärt Handschuh heute lachend. Die jugoslawische Trainerlegende und der pfeilschnelle Charly, der die 100 Meter in 11 Sekunden lief, kannten sich bereits aus ihrer gemeinsamen Zeit beim VfB Stuttgart. „Ich wusste natürlich, was Zebec von mir erwartet und, dass er auf mich setzt. Genauso wusste ich aber auch, er wird mich im Training genauso hart rannehmen, wie jeden anderen Eintracht-Spieler. Man muss dazu sagen, dass der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft das harte Training wieder ausgeglichen hat. Man kann es sich nicht vorstellen, aber wir sind mehrmals in der Woche mit der gesamten Truppe Essen gegangen und keiner hat sich dagegen gewehrt oder gesagt ‚Ich habe keine Lust‘.”

Die Stimmung in- und außerhalb der Kabine sei fantastisch gewesen: “Die Worte Harmonie und Familie beschreiben nicht nur den Kader, sondern auch das gesamte Umfeld. Selbst wenn wir Spiele verloren, waren die Fans fair gegenüber uns. Ich habe erlebt, dass wir bei Rückständen eher angefeuert als ausgepfiffen wurden, und wenn zehntausende Menschen ‘Eintracht, Eintracht, Eintracht’ rufen, dann pusht es dich ungemein nach vorne. Ich kann mich an keine schlechten Momente erinnern“, sagt Handschuh voller Stolz.

Bezirksmeister in der A-Jugend 1965: Karl-Heinz Handschuh (vorne rechts). Foto: privat

Deutscher Beinahe-Meister 1977

Wirklich nicht, fragen wir nach? „Naja“, schießt es aus dem 72-Jährigen heraus, „Es gibt ein, zwei Dinge, die ich eigentlich verdrängt habe.“ Gemeinsam blicken wir auf die Spielzeit 1976/77 zurück. In jener Saison verpasst es der BTSV zum zweiten Mal, Deutscher Meister zu werden. Am Ende fehlen zwei Punkte, um ganz oben zu stehen. Vom Schicksalsspiel sprechen viele Fans im Zusammenhang mit der 0:1-Niederlage gegen den SV Werder Bremen.

Doch die ehemaligen Spieler sind sich fast einig: Die Meisterschaft wurde auch am 18. Spieltag in der 77. Spielminute in der Partie zwischen Eintracht Frankfurt und Eintracht Braunschweig entschieden. Die Braunschweiger liegen chancenlos mit 0:3 zurück, als Wolfgang Kraus Karl-Heinz Handschuh sehr unsanft von den Beinen holt und eine Verletzung seines Gegenspielers provoziert. Als Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder sich zu Kraus und Handschuh umdreht, liegt nicht mehr der Braunschweiger am Boden, sondern der Frankfurter. Nach kurzer Rücksprache mit dem Linienrichter zückt der Schiedsrichter die Rote Karte und stellt Handschuh vom Platz. Die Begründung: Handschuh hätte Kraus gewürgt und zu Boden gestoßen.

Der Würgeskandal

Was wirklich passiert ist, bleibt lange im Verborgenen. Die Hintergründe dieses Falls wirken extrem abstrus. Bereits nach dem Spiel gibt Handschuh Interviews, in denen er sagt, er hätte keine Tätlichkeit begangen. Tage nach dem Spiel kommt es zum Telefonat zwischen Kraus und Handschuh. Im Gespräch entschuldigt sich Kraus für die schauspielerische Einlage und versichert Handschuh, beim DFB-Sportgericht alles aufklären und für den Rotsünder aussagen zu wollen. „Ich erinnere mich noch an den Verhandlungstag in Frankfurt, als wir Wolfgang Kraus zunächst nicht in das Gerichtsgebäude gehen sehen haben, sondern in die Geschäftsstelle von Eintracht Frankfurt. Ich habe mir dabei nichts gedacht, weil ich sein Wort hatte und wusste, die Wahrheit kommt ans Licht.“

Doch sie kam nicht ans Licht. „Als Wolfgang Kraus die ersten Sätze sagte, fiel ich vom Glauben ab. Er sagte: ‘Karl-Heinz Handschuh hat mich gewürgt und zu Boden gestoßen. Mehr will ich dazu nicht sagen’. Ich schrie ihn an und fragte ihn, ob er mich verarschen wolle und welches Schmierentheater hier aufgeführt werde“, so Handschuh.

Am Ende wurde er zu acht Spielen Sperre verurteilt. Ein herber Rückschlag für das Team von Branko Zebec, welches sich, ohne Handschuh, in der Abschlusstabelle mit Platz 3 zufriedengeben muss. „Es gibt keine Worte oder Sätze für diese Enttäuschung. Ob wir wirklich Meister geworden wären? Man weiß es nicht. Aber dass ich in der Endphase nicht dabei sein konnte, ärgert mich heute immer noch. Vielleicht hätte ich in einem Spiel eine Vorlage oder ein Tor dazu beisteuern können und die zwei Punkte Rückstand hätte es gar nicht gegeben“, erklärt Handschuh, dem man die Enttäuschung auch noch heute anmerkt.

Besonders bitter: Jahre später erzählt Wolfgang Kraus im Kreis von Bayern-Spielern, es wäre nie zu dieser Tätlichkeit gekommen und er hätte einen großen Fehler begangen. „Ich wusste immer, die Wahrheit siegt, aber an jenem Tag im Gericht ist für mich der Traum zusammengebrochen, dass es im Fußball fair und gerecht zugeht. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass irgendwelche Personen es mit aller Macht verhindern wollten, das Eintracht Braunschweig Deutscher Meister wird“, betont der 72-Jährige.

Nach der großen Enttäuschung folgen ein Jahr später die großen Spiele im UEFA-Cup gegen Dynamo Kiew und IK Start Kristiansand, bevor man gegen den späteren Cup-Sieger PSV Eindhoven ausscheidet. Gegen Kristiansand steuert Handschuh einen Treffer selbst bei.

Handschuh wurde mit Eintracht Braunschweig beinahe zum zweiten Mal Deutscher Meister. Ein kleiner Skandal verhinderte dies. Foto: privat

“Maslo war der schlechteste Trainer, den ich erlebt habe!”

Eher unschön endete dann das Kapitel Handschuh und Eintracht Braunschweig: In der Rückrunde der Abstiegssaison 1979/1980 setzt Trainer Uli Maslo immer weniger auf den Außenbahn-Flitzer. Gerüchten zufolge hätte sich Handschuh mit Maslo überworfen. „Uli Maslo war der schlechteste Trainer, den ich in meiner Karriere erlebt habe.“ Rums! „Er stellte von heute auf morgen den Trainingsplan um. Er stellte die Taktik um. Ich sagte ihm noch in der Hinrunde, wenn wir so weitermachen, spielen wir gegen den Abstieg. Daraufhin bekam ich zu hören, ich hätte keine Ahnung, solle mich mehr auf das Spiel konzentrieren und er hätte die Trainerausbildung genossen und nicht ich. Auf uns Spieler ist er nicht eingegangen und sagte nur, er wolle keine Widerworte und er sei der Trainer.

Ein Branko Zebec duldete auch keine Wiederworte, aber er machte sich Gedanken darüber, wenn wir ihm sachlich Verbesserungsvorschläge machten. Die Causa Maslo schaukelte sich soweit hoch, dass ich irgendwann, ohne mich warm zumachen, ins Spiel musste und er so eine Muskelverletzung von mir provozierte. Daraufhin teilte ich dem Vorstand mit, wenn Uli Maslo Trainer bleibt, werde ich meinen Vertrag nicht verlängern“.

Charly der Unvollendete?

So kam es dann auch: Nach fast 200 Partien für die Eintracht verließ Karl-Heinz Handschuh 1980 die Löwenstadt. „Ich hätte der Eintracht und den Fans gerne einen Titel geschenkt, weil wir unfassbar viel Unterstützung erfahren haben. Wir hatten tolle Spiele in der Bundesliga und im UEFA-Cup. Leider hat es nicht geklappt. Ich habe mit unglaublich tollen Spielern zusammenspielen dürfen, die fußballerisch wie menschlich zu den besten im Fußball gehörten. Das bleibt am Ende für mich stehen“, macht der Ex-Löwe unmissverständlich klar. Für uns bleibt am Ende nicht Charly der Unvollendete stehen, sondern Charly der Pfeilschnelle.