Ein Abend an den sich sicherlich jeder Eintracht-Fan sein Leben lang erinnert. Foto: Agentur Hübner

Braunschweig. Eintracht Braunschweig trifft kurz vor Weihnachten in der zweiten DFB-Pokalrunde auf Borussia Dortmund (Mehr hier). Sofort werden die Erinnerungen wach an jenes legendäre 2:1 gegen die Westfalen am 22. August 2005. Was für ein denkwürdiger Abend! Ex-Coach Michael Krüger und Daniel Graf erinnern sich. Von Henrik Stadnischenko.

“Der Krüger weiß wie man die wegputzt!”

Sie hatten keine Chance. Also nutzten sie die. Hinzu kam auch etwas Glück, denn ohne den berüchtigten Stromausfall wäre es wahrscheinlich nicht zu einem der größten Pokalcoups in der neueren Eintracht-Geschichte gekommen. Endlich wieder einmal ein Pokalspiel aus der Löwenstadt live in der ARD-Sportschau. Dem guten Riecher der Fernsehanstalt konnte Michael Krüger mit guten Erfahrungen untermauern. Immerhin hatte der heute 66-Jährige 2001 schon einmal die Schwarz-Gelben mit der VfL-Reserve aus dem Pokal gekegelt. „Während der Auslosung hatte Bussi Skolik scherzhaft gesagt: Am besten kommt Dortmund, der Krüger weiß schon, wie wir die wegputzen“, erinnert sich Krüger heute. 

Auf dem Rasen sah das zunächst ein wenig anders aus: „Dortmund hat uns nicht an die Wand gespielt, sie waren dennoch zunächst dominanter als wir. In dem Augenblick als wir Sturm- und Drangphase überstanden hatten, macht Jan einen unnötigen Fehler“, so Krüger. Abwehrkante Jan Tauer klärte 26. Minute unbedrängt zur Ecke. Die nutzten Lars Ricken, Christian Wörns und Jan Koller im Zusammenspiel promp zum 0:1. 

Plötzlicht wurde es dunkel im Eintracht-Stadion. Fotos: Agentur Hübner

Plötzlicht wurde es dunkel im Eintracht-Stadion. Fotos: Agentur Hübner

„Charakter, Zusammenhalt und Mentalität”

„Im ersten Augenblick habe ich mich maßlos geärgert, dann habe ich die Jungs weiter gepusht, denn die Chance war weiterhin da, das Spiel zu gewinnen“, so Krüger. „Das 0:1 war einfach nur bitter. Das Tolle an unserer Truppe war, dass wir einen großen Charakter, Zusammenhalt und Mentalität hatten. Wir haben vor dem Spiel gesagt, egal, wie das Spiel läuft, wir geben nicht auf und lassen uns nicht abschlachten. Zudem ist selbst bei einem 0:1-Rückstand alles weiterhin offen“, entgegnet Daniel Graf.

Die Zuschauer spürten jetzt, dass ihre Mannschaft Rückendeckung von den Rängen benötigte. „Die Eintracht-Fans verzeihen alles, selbst eine Niederlage. Was sie aber nicht verzeihen, wenn du nicht alles gibst. Ich wollte keine Schönspielerei sehen. Ich wollte, dass die Mannschaft bis zum Umfallen kämpft. Laufen, kämpfen, Zweikämpfe führen. Nicht nur an diesem Abend war die Stimmung überragend, wenn die Fans und die Mannschaft eine Einheit bilden, schlägt dich zu Hause keiner“, bekommt Krüger noch heute Gänsehaut.

„Es hat Vor- und Nachteile für einen Traditionsverein zu spielen. Der Nachteil ist natürlich, dass schnell eine Unzufriedenheit aufkommt und man in der Vergangenheit schwimmt. Der Vorteil sind die Zuschauer. Die Eintracht-Fans hatten immer ein feines Gespür dafür, wer kämpft und ackert. Diese Macht im Rücken gibt dir als Spieler Selbstvertrauen und viele Dinge gelingen von alleine.“ Daniel Graf

Die 35. Spielminute sollte vieles verändern. Plötzlich fiel das Flutlicht aus und es war stockfinster. Nicht das erste Mal an diesem Abend. Schon vor dem Anpfiff hatte ein defektes Stromaggregat für einen Ausfall gesorgt. „Als das Licht auf einmal aus war, habe ich gedacht, dies wird in wenigen Sekunden wieder angehen. Stattdessen mussten wir zehn Minuten warten. Aus dem Augenwinkel habe ich gesehen, wie Wolfgang Loos ein wenig hektisch mit dem Schiedsrichter und Mitarbeitern aus der Technik gesprochen hat. Einen kompletten Abbruch wollte keiner“, sagt Krüger.

Graf dagegen kam der plötzliche Ausfall nicht unpassend: „Ich hatte damals Probleme mit der Leiste und bin sofort in der Kabine verschwunden, um mir eine Wärmepackung abzuholen. Wie und wann die Partie wieder angepfiffen werden sollte, wusste keiner. Es hieß nur, wir sollen uns gedulden. Ich glaube ein kompletter Abbruch wäre eine Katastrophe gewesen.“

Jeder nutzte die erzwungene Pause auf seine Weise. Trainer Michael Krüger mit Zigarette. Foto: Agentur Hübner

Jeder nutzte die erzwungene Pause auf seine Weise. Trainer Michael Krüger mit Zigarette. Foto: Agentur Hübner

„Mit Jürgen habe ich mich blind verstanden.”

Schließlich wurde der Defekt gefixt. Es konnte weitergehen auf dem Rasen. Und wie! Auf einmal spielte die Eintracht wie ausgewechselt. Presste, kämpfte und wollte unbedingt den Ausgleich erzielen. Nach einem Einwurf drehte sich Daniel Graf um seine Körperachse, ließ dabei einen Gegenspieler aussteigen und flankte maßgenau auf den Kopf von Jürgen Rische, der in der 41. Spielminute den Ausgleich erzielte.

„Mit Jürgen habe ich mich blind verstanden. Er hatte mir vor dem Spiel auch gesagt, dribbel nicht so viel, flank einfach, ich mache schon was aus dem Ball. Sein Kopfballtor war Marke Weltklasse“, erinnert sich Graf heute.

Eine große Ansprache musste Trainer Michael Krüger in der Kabine nicht halten. „Die Jungs waren sowas von heiß, da hat jeder gebrannt und wollte sofort wieder aufs Feld zurück. Ich habe ihnen lediglich mit auf den Weg gegeben, sie sollen ruhig und besonnen weiterspielen, der Druck liegt ganz klar auf Seiten von Dortmund. Wir können abwarten und auf Konter gehen“, erklärt der ehemalige Trainer im Rückblick. Er sollte recht behalten. Die Uhr tickte gegen Dortmund und die Partie wurde hitziger.

In der 84. Minute gab es kein Halten mehr im Eintracht-Stadion. Jan Tauer flankte mustergültig auf Daniel Graf, der mit rechts annahm und mit rechts abschloss – das vielumjubelte 2:1. Nach dem Tor lief Daniel Graf zu einer TV-Kamera und rief etwas Unverständliches hinein. „Mein Schwiegervater hatte einen schweren Unfall. Wir war es wichtig Genesungswünsche auszurichten. Auch wenn er danach wieder gesundend ist, wird das Spiel immer ein besonderes mit einer persönlichen Note bleiben.“

Grenzenloser Jubel bei den Braunschweigern nach Abpfiff. Foto: Agentur Hübner

Grenzenloser Jubel bei den Braunschweigern nach Abpfiff. Foto: Agentur Hübner

Tollhause Eintracht-Stadion

Nach dem Abpfiff verwandelte sich das gesamte Stadion zu einem Tollhaus, die Fans lagen sich in den Armen und die Spieler hatten in den Glückstränen in den Augen. Michael Krüger machte es sich mit Bussi Skolik in der Kabine mit Zigarre und Bier gemütlich.

Von den Spielern fehlte jede Spur. „Die waren auf einmal verschwunden. Ich weiß auch gar nicht, wo die Jungs hin sind. Im Nachhinein ich gehe mal davon aus, dass sie pflichtbewusst wie sie waren, frühzeitig im Bett verschwunden sind“, lacht Michael Krüger heute. „Gut, dass der Trainer nicht wusste, wo wir waren. Mit Jan Tauer hatten wir im Team einen Partylöwen vor dem Herrn. Egal, ob Bar oder Disko, der wusste immer, wo eine Party stattfand“, plaudert Graf aus. Der besondere Zusammenhalt in der Mannschaft zeigte sich auch im nachfolgenden Spiel. Obwohl die Eintracht-Spieler bis in die frühen Morgenstunden des Dienstags unterwegs gewesen waren, gewannen sie das Freitagspiel bei Hansa Rostock trotz Rückstands mit 3:2. Zweimaliger Torschütze in diesem Spiel war Daniel Graf.

„Die Charaktere haben einfach gepasst. Die jungen Spieler kamen mit den erfahrenen Spielern klar. Wenn Ansagen gemacht wurden, gab es keine Widerworte. Außerhalb des Platzes hat man sich verstanden, das hat echt Spaß gemacht. Ich weiß gar nicht, ob ich diese Worte überhaupt benutzen darf, aber wir hatten eine echt geile Truppe“, so Daniel Graf, der zum Heimspiel gegen den FC Carl Zeiss Jena im Stadion sein wird. „Obwohl ich jetzt in Kaiserslautern wohne, blicke ich nach jedem Spiel auf die Tabelle und schaue mir jede Zusammenfassung der Eintracht-Spiele an. Auch wenn ich verletzungsbedingt meine Karriere in Braunschweig beenden musste, war die Braunschweig-Zeit, die sportlich schönste Zeit in meinem Leben.“

Rolf Töpperwien interviewt Siegtorschütze Daniel Graf nach Spielende. Foto: Agentur Hübner

Rolf Töpperwien interviewt Siegtorschütze Daniel Graf nach Spielende. Foto: Agentur Hübner

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