In Frank Brökers Kolumne sind heute auch die Fischtown Pinguins ein Thema. Foto: Agentur Hübner

Als Anfang Februar die Schlagzeile „Erste Spielabsagen in der DEL nach Coronafall in Wolfsburg: Team vorsorglich in Quarantäne, Valentin Busch und Armin Wurm positiv getestet“ durch die Eishockeywelt schoss, stand Schlimmes zu befürchten. Doch wenige Tage später folgte die zweifache Erleichterung. Beide Spieler durchlitten den Virus-Clash symptomfrei, die Grizzlys sind pünktlich zum Start in die zweite Gruppenphase wieder im Rennen um den Playoff-Strich dabei. Und oh Wunder: So erfolgreich wie lange nicht. Was fiel in letzter Zeit noch auf? Von Frank Bröker.

Getippte Tollwutanfälle

Bei vielen Nutzern sozialer Medien sind Tollwutanfälle Normalzustand. Und da ärgerbehaftete Lösungsstrategien wie Sich-auf-den-Boden-Werfen, Weinen oder Schreien einzig auf Clip-Plattformen wie TikTok zu kurzlebigem Dance-Ruhm führen, beschränken sich böse Comic Sans MS-Blogger (Comic Sans ist eine für Analphabeten hervorragend geeignete Grotesk-Schriftart) und sonstige Zaungäste aufs eskalierende Tippen bis sich die grammatikalischen Balken biegen. Wenn einem früher noch zu Offline-Zeiten Themen anstachelten, trieb man den Blutdruck am Stammtisch in die Höhe. Zeitungen wurden zerrissen, Brandbriefe geschrieben. Heute ist derlei Mühe überflüssig. Ploppt eine simple Meldung wie „Die Fischtown Pinguins eilen von Sieg zu Sieg“ auf, reicht das für ein paar grob gedrechselte Hasslatten-Tastenhiebe völlig. Sofern man die Bremerhavener nicht mag, weil die eigenen Farben gerade gegen das von Thomas Popiesch gecoachte Team den Kürzeren zogen.

Bremerhavens Weltauswahl

Die Fischtown Pinguins polarisieren. Jahr um Jahr setzt man mit klammen Etats auf eine vergleichsweise günstig zusammengestellte Weltauswahl fast ohne deutsche Einflaggenspieler. Selbst wenn Namen wie Dietz, Reisnecker oder Hilbrich aufs Trikot gepflockt werden, sind es immer noch gebürtige Tschechen, Slowaken, Kanadier oder Dänen mit deutscher Vita-Verwandtschaft. Das gefällt nicht jedem. Denn gut soll sein, wer in den eigenen Nachwuchs investiert und aufstrebenden Talenten Spielpraxis generiert. So gesehen machen Nürnberg im Süden und Krefeld im Norden alles richtig. Die Rede ist von den beiden Kellerkindern der Liga, die – wenn er denn eingeführt worden wäre – mit dem Abstieg mächtig zu tun hätten.

In jedem DEL-Jahr traf Bremerhavens Management ins Schwarze und ist auch in dieser Saison klarer Playoff-Kandidat. Kleines Zubrot für die Spieler: Wer sich nach Ende eines Zweijahresvertrages durchsetzt, wechselt alsbald für ein größeres Salär zur besser betuchten Konkurrenz. Nach zum Beispiel Mannheim. Also dorthin, wo aus dem Internat-Horst talentierte Jungadler in die Profiszene bis hin zur NHL flattern.

Mannheim steht wie München für deutschen Eishockeynachwuchs par excellence. Auch in Köln (immer dabei an Leon Draisaitl denken) sind jede Menge eigene Youngster im Roster gelistet. Ohne Ausbildungsstandorte wie diese wäre das schwarz-rot-goldene Eishockey so richtig am A… Doch glaubt man nie bestätigten Gerüchten, weigerten sich sowohl Mannheim, München als auch Köln vor der Corona-Saison den Bremerhavenern junge Spieler auszuleihen. Was wiederum dazu führte, dass Fischtown mit knackig-torhungrigen Weltbürgern aufgefrischt wurde. Beziehungsweise das Sieger-Gen in der Team-DNA frohlockte.

Ein Wording zum Aua-kriegen

Ja, richtig gelesen. Sieger-Gen, Team-DNA. Davon hört man auf Pressekonferenzen und in MagentaSport-Filmchen, die von fern ab des Pulitzer-Preises agierenden Journalisten kommentiert werden. Auf solchen Unsinn muss man erst mal kommen.
Von einer super Gen-Team-DNA ist die Rede, wenn vor und hinter den Kulissen alle am berühmten Strang ziehen, um ein Ziel (Meisterschaft) zu erreichen. Ursprünglich handelt es sich bei „DNA“ und „Gen“ um die Herstellung einer biologisch aktiven Ribonukleinsäure (RNA). Ergo um biochemisches Zeug, um Zellen, Baupläne und Erbinformationen. Wenn man jetzt an Bremerhaven samt des Zweiflaggen-Scoutings denkt, liegt man indes gar nicht so verkehrt. Ansonsten sind Wortungeheuer-Sätze wie „Mannheim verfügt über das Sieger-Gen, weil die DNA im Team stimmt“ völlig überflüssig. Im Gegenzug möchte man ja auch nicht hören: „Die Pleitenserien in Krefeld und Nürnberg gehen mit schlechten Zellen, miesen Bauplänen und ungesunden Erbinformationen einher.“

Aufrüsten

Eben hieß es noch allerorten: Wir müssen sparen, setzen auf Talente und freuen uns auf die Rückkehr der U20-WM-Viertelfinalisten. Rubbel die Katz haben alle Teams erfahrenes Personal aus dem Ausland in die DEL gelotst. Ob das nun in einer monetären Katastrophe für die corona-klammen Kassen endet oder nicht. Juniorcoach Steffen Ziesche vom Deutschen Eishockey-Bund sieht es so: „Alle Welt redet von finanziellen Problemen und davon, dass keine Besserung in Sicht sei. Da machen doch solche Verpflichtungen keinen Sinn.“ Dem entgegnete Rick Goldmann schon vor Jahren: „Gute Ausländer machen deutsche Spieler besser.“ Ausländer, an die wir uns noch in 20 Jahren erinnern werden. Da versuche ich mir mal den Namen Zach Boychuk zu merken. Ein 31-jähriger, für die NHL als zu leicht befundener Kanadier, der zuletzt in der Schweiz scorte. Jetzt rockt er für die Eisbären.
Mitch Wahl (Deutsch-Amerikaner) heuerte kürzlich in Bremerhaven an, was die eingangs erwähnte Tipp-Tollwutwelle innerhalb der DEL-Gemeinde kurzweilig anschwellen ließ. Erst seitdem Fischtowns Formkurve nach ein paar rabenschwarzen Schlappen nach unten zeigt, werden die Kommentare geschmeidiger und die Fackeln auf andere Plätze geworfen.

Warnwesten aus Ingolstadt, Frettchen in Straubing

Nach Ingolstadt zum Beispiel, wo die Panther mit knall-neon-tropic-frog-textmarkergrünen Ausweichtrikots auflaufen. Entworfen wurden sie u.a. von Mirko Höfflin, der nicht nur Pantherstürmer, sondern auch Modedesigner ist. Im jüngeren Vergleich, als die Spieler noch im Kriegstarnzwirn aufs Eis liefen, ist das schon eine friedliebendere Verbesserung. Allerdings gerät mein älterer Fernseher in Sachen Farbauflösung da stark an seine Grenzen. Am Saisonende sollten die Trikots als Warnwesten im Straßenverkehr Verwendung finden. Denn dort gehören sie hin.

Empören könnte man sich weiterhin über Süd-Tabellenführer Mannheim, deren Aufkäufer bereits jetzt verkündeten, zur nächsten Saison mit Ingolstadts Supertalent Tim Wohlgemuth gemeinsame Sache zu machen. Oder über Schwenningen, dem einzigen Club, der auf (schmalerem) NHL-Eis zugange ist, was den Gästeteams Umdenkminuten und regelmäßige Rückstände beschert. Oder über Straubing, das in der kältesten Eishalle der Liga fröstelnde Gäste empfängt. Was dazu führt, dass die Trainerstäbe am Pulverturm unförmige Mäntel und Steppjacken tragen müssen.

Einem Eleganzmann wie Pavel Gross gefällt so etwas gar nicht und selbst Heimcoach Tom Pokel scheint sich dick eingepackt stets unwohl zu fühlen. Schaut man sich neuerdings die zuckenden Handmoves des Tiger-Dompteurs an, denkt man bei jedem Kameraschwenk, dass unter Pokels Steppjacke ein Frettchen hausen würde. Vielleicht ein heimliches, neues Glücks-Mojo, das den Erfolg herbeißen muss. Denn Straubings Glück blieb zuletzt irgendwo zwischen dem x-ten Pfostentreffer und der alles entscheidenden Situation mit dem alles entscheidenden Fehler auf der Strecke.

Hauptsache MagentaSport krakeelt nicht: „Die Straubinger haben ihr Sieger-Gen verloren, was sich tief in die Team-DNA einbrennt.“ Besser wäre: „Nach wie vor fehlen Gelassenheit und Ruhe, die es braucht, um dramatische Spiele zu gewinnen.“ Wolfsburg kann das doch mittlerweile auch.

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Dies ist eine Kolumne von Frank Bröker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

Frank Bröker ist Musiker, Komponist und Autor. Er ist Eishockeyfan und -experte und schrieb bereits sieben Bücher zu diesem Thema, unter anderem für den Verlag Andreas Reiffer.

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