Unser Kolumnist sieht im aktuellen Playoff-Modus durchaus eine Chance für die Grizzlys. Foto: Grizzlys Wolfsburg/City-Press GmbH

Normalerweise wären jetzt Halbfinal-Playoffs in unserer geliebten DEL und die Grizzlys Wolfsburg stünden mit Sicherheit voll im Saft Richtung Endspielserie. Aber nein. Wir hängen in der Coronazeit hinterher und fragen uns, wie man trotz Gewehr in der Hand beim Biathlon zweiter werden kann. Oh, falscher Sport. Man kommt gerade überall durcheinander. Von Frank Bröker.

Was bisher geschah

Im März 2020 war es die DEL, die als erste deutsche Profiliga den Corona-Stecker zog. In den Playoff-Stadien glänzte das Eis, doch statt in den kommenden Wochen den Meister auszuspielen, wurden die Mannschaftsbusse jäh gestoppt. Die Entscheidung war richtig, eine andere wäre eiertanzmäßig um die Ohren geflogen und schlussendlich stieg der Staat als Vollkaskoversicherung ein und ermöglichte die aktuelle Saison.

Statt einer Doppelrunde mit 52 Spieltagen stiegen die Klubs in zwei regionalen Gruppen bis Mitte März je viermal gegeneinander in den Ring. Ein gefühlt ewiges Back-to-back-Scharmützel unter regelmäßigen PCR-Testungen und Antigen-Schnelltests. Nun also die DEL-Wiedervereinigung.

Möglich: Dreierserien und Favoritensterben

Willkommen mit Vorrundenpunkten in der Verzahnungsrunde! Die Klubs aus der Nord- und Südstaffel treffen bis Mitte April je zweimal aufeinander, dann soll die erste Playoff-Runde im Best-of-Three-Modus wieder intern ausgetragen werden; die Top-vier jeder Gruppe qualifizieren sich. Ab dem Halbfinale folgt die nächste Wiedervereinigung im selben Modus. Dann möge er feststehen, der Leere-Hallenchampion mit der 100. deutschen Meisterschaft in der Vitrine. So Corona will, wird’s wenigstens Fan-Autokorsos und für die maskierten VIPs Logenchampagner im goldbefußten Kristall geben.

Der Best-of-Three-Modus ist den Hauptrundenpunktehamstern ein Dorn im Auge. Stellen wir uns vor: das hoch favorisierte Mannheim trifft im Halbfinale auf Wolfsburg, verliert zwei Mal und die Grizzlys stehen im Endspiel. Geht nicht? Klar geht das. Vorausgesetzt, dass Pat Cortina höchstpersönlich für die Erhöhung der Riechsalzdosis seiner zuletzt recht schläfrig agierenden Sturmreihen sorgt. Im Best-of-Seven hätte Wolfsburg kaum Chancen auf Zählbares.

Da würde Pavel Groß‘ Starensemble 0:2 hinten liegen, kein großes Bohei drum machen und als Entschuldigung solche Klassiker bemühen: Das Team ist müde von der Hauptrunde, muss sich erst neu erfinden, Playoffs haben eigene Gesetze, das Powerplay wird schon noch. Und tatsächlich: nachdem Groß (selbstverständlich einfühlsam) den Sportgeist seiner Mannen in heißem Fett frittieren ließ, gehen die nächsten Spiele alle nach Mannheim, das erwartungsgemäß in der Endspielserie aufläuft. So gesehen können die Corona-Dreierserien zum Favoritensterben führen.

Zu allem entschlossen, zu wenig in der Lage

Nach mehr als 25 Über-Kreuz-Partien lässt sich konstatieren: Im Norden ist nur auf die Eisbären und mit Abstrichen auf Bremerhaven Verlass. Die vor der Verzahnung recht königlich spielenden Düsseldorfer und Wolfsburger schmieren ab und benehmen sich wie altkommunistische Parteien (zu allem entschlossen, zu wenig in der Lage). Der Süden liegt deutlich vorne, den Primussen Mannheim, München und Ingolstadt reicht halbe Kraft fürs Weiterkommen. Schwenningen, Straubing, Augsburg streiten sich ums letzte Playoff-Ticket. Iserlohn, Köln, Düsseldorf und Wolfsburg machen im Norden die Plätze 3 bis 6 unter sich aus. Ach ja, und der allerschlimmste Hallen-DJ legt in Düsseldorf auf. Muss man denn so weit gehen, dass arbeitslose Dorfdissen-Ricos jetzt in unsere Eishallen ziehen? Da ist mir der 1980er-Jahre-Bettschwere vermittelnde Rockkollege in Augsburg um Längen lieber.

Reisen kostet Körner

Auswärtssiege sind rar, Tore fallen reichlich und nicht nur zu großen Teilen den Kellerkindern Krefeld und Nürnberg ins Netz. Apropos Nürnberg: 2:1 gegen Wolfsburg gewonnen. Gründe: Riechsalz alle (Wolfsburg), Niklas Treutle im Tor (Ice Tigers). Dazu noch die üblichen, indes nicht von der Hand zu weisenden Aspekte: bis zu 4 Spiele pro Woche, weite Reisen, kaum Regeneration für die Vielspieler. Die auf der letzten Kufe daherkommen und es vermutlich selbst nicht kapieren, warum der mit Teflon beschichtete Coach nicht wenigstens für ein paar Shifts die Bankdrücker (sprich: Talente, U 20-Viertelfinalisten) ranlässt.

Bei sämtlichen Nord-Niederlagen fällt auf: Der Süden checkt besser, der Süden ist auch nach dem Abgang von Straubings Mitchell Heard brutaler. Zwar verhängen die Refs Arbeitsverbote und befüllen reichlich Strafbänke (außer kurz vor Schluss, denn in der Crunchtime gelten Disney-Regelbücher) – doch bleibt während dieser auf Kante genähten Saison kaum Zeit, sich beim Falten eines Origami-Kranichs über böse Fouls lange aufzuregen. Das nächst Spiel läuft schon, also Kranich zerknüllen, umschalten und danach japanischen Freejazz zur Entspannung hören. Going Crazy! In dieser sozial abgemagerten, unablässigen MagentaSport-Zeit. Wir lesen uns in den Playoffs wieder.

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Dies ist eine Kolumne von Frank Bröker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

Frank Bröker ist Musiker, Komponist und Autor. Er ist Eishockeyfan und -experte und schrieb bereits sieben Bücher zu diesem Thema, unter anderem für den Verlag Andreas Reiffer.