Eishockey “Puckdown”: Neben leeren Rängen ist in diesem Jahr so einiges anders. Foto: Agentur Hübner

Um Eishockey spielen zu können, bedurfte es in grauer Vorzeit einer Menschenarmee, die das Geläuf nacheinander hobelte, schaufelte und putzte. Seit gut 70 Jahren wird dieser Job durch eine wundersame Maschine erledigt. Die meisten nennen Sie nach ihrem Erfinder „Zamboni“. Dass allenthalten behauptet wird, dieser Frank Zamboni habe damit die größte Eissport-Innovation seit Puck, Stock und Schlittschuh ausgelöst, ist völlig untertrieben.

Zambonis gehören ins Toperfinderranking und stehen mindestens nach Ackerbau, Dampfschifffahrt und Navi an nächster Stelle. Zamboni sei Dank wurde Eishockey zum härtesten, schnellsten und natürlich besten Sport der Welt. Als Zuschauer und nach heftigem Anfeuern um Überlebensbiere anstehend, wünscht man sich: einmal voller Glück und Stolz auf so einem „Smooth Operator“ zu sitzen. Majestätisch dabei mit 6 km/h und 75 PS unter der Haube Kreise zu ziehen und am Ende würdevoll den Schneetank zu leeren. Stellen Sie sich genau das vor, wenn Sie diese Kolumne lesen. Von Frank Bröker.

Warten ist schlimm

Warten ist schlimm. Wer egal wo lange wartet, sehnt sich weg und verliert die Gegenwart. Frei nach Eckhart Tolle ist Warten ein Zustand voller innerer Grabenkämpfe, die alle Lebensqualitäten gewaltig reduzieren. Warten ist Krieg mit sich selbst. Fragen Sie jeden Goalie, der von Zuschauern verhöhnt am Ende der Bahn mit dem Stock aufs Eis klopft und sich Sorgen macht. Sein Team rennt, checkt sich zur Strafbank und zurück, stürzt beim Shift über die Bande, ackert, keucht, verliert den Puck, gewinnt ihn wieder.

Und der Goalie wartet. Es gibt sehr wenig, was er tun kann, um eine Partie zu gewinnen. Meistens hofft er nur, dass man sie nicht verliert. Im Kopf „Paul ist tot“ von den Fehlfarben. Die Zeilen: „Was ich haben will, das krieg‘ ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht“, sind ihm gewidmet. Was er haben will, ist der Puck. Vielleicht eine bessere Defense. Kriegt er beides nicht.

“Ausgelockt”

Heute, wo die Welt ein Corona-Lazarett ist, warten wir alle. Drosten-Ultras auf der einen, verstiegene Querdenker-Hools mit Amöben-IQ auf der anderen Seite. Man nennt es „Lockdown“. Wahlweise „Lockdown Light“ oder „Brutaler Lockdown“ ohne diätisches am Ende. Im Hockey spricht man von „Puckdown“, was hierzulande eine einseitige Angelegenheit ist. Denn gespielt wird schon. Sei es beim MagentaSport-Cup, in der DEL2, in den Oberligen. Allerdings vor leeren Rängen. Wir Fans sind ausgelockt und müssen draußen bleiben. Was ja auch richtig und in Pandemiezeiten ein Akt der Klugheit ist. Dem Fiesling Corona (aka Covid-19) ist es völlig egal, ob Familienfest, Demo oder Eishockey auf der Karte stehen. Je mehr Dichtgedränge, desto souveräner agiert die Seuche.

Noch nie im Leben war es so einfach, vernünftig zu sein und zuhause zu bleiben. Als Negativer. Denn wenn wir gesund sind, sind wir „negativ“, bedeutet: Virus nicht nachweisbar. Noch nie im Leben war „negativ“ so positiv besetzt wie heute.

Teams in Quarantäne

Und trotzdem schmerzt die ganze Gemengelage wie nach einem Monster-Open Ice-Hit. Kaum gehen die Fallzahlen nach unten, steigen sie wieder. Kaum hing das WM-Poster mit den einzutragenden Resultaten an der Wand, war die Show abgesagt. Kaum ging die Saison in den Oberligen los, fielen Spiele aus, mussten Teams in Quarantäne geschickt werden. Hoffnungen auf Stadienbesuche (wenig Menschen, alle auf Abstand) wurden mit einer Mantrawalze aus Sätzen wie: „Daraus wird nichts, das kannst du vergessen“ zermalmt. Cracks wie Landshuts Jere Laaksonen oder Wolfsburgs Janik Möser hat es schwer erwischt. Beiden wurden Herzmuskelentzündungen, die nach Ärztelesart auf Infektionen mit dem Coronavirus zurückzuführen sind, attestiert.

Laaksonen ist 29, Möser 25 Jahre jung. Beide hatten rund um die Testung keine schweren Grippesymptome und kämpfen sich nun langsam wieder ins Leben. Sie gehen spazieren, schliddern bedächtig übers Eis, um das goldene Hockeygefühl im Herzen nicht zu verlieren. Doch das Herz muss erst wieder genesen. Gute Besserung an dieser Stelle.

Vor einem hoffentlich baldigen Start unserer Eliteliga DEL bleibt haften: Wir müssen umschulen. Vom einstigen Stadionfan zum reinen Abonnenten. Was gibt es zu abonnieren? Sprade TV für die Oberligen und die DEL2. Telekom für die DEL. Anders geht es nicht, denn im Free-TV balgen sich eine ganze Menge Randsportarten um die Bezahlplätze auf Sport1. Gezeigt werden nur ausgewählte Spiele. Doch mal ehrlich – Ingolstadt gegen Krefeld interessiert als Wolfsburgfan eher weniger.

Über Fußball-Sky-Potatoes gelacht

Was haben wir die Fußball-Sky-Couchpotatoes doch immer verlacht, jetzt sitzen wir im selben Sessel. Fernseher an, Fernbedienungen in die richtige Reihenfolge legen, Chipstüte raus. Vodka aus Belarus. Bier aus Belgien. Wenigstens darf die Leber reisen. Doch wird kaum nach dem Anbully die betagte Mutter anrufen. Mutter rief am Gameday sonst nie an. Doch wenn sie weiß, dass der Sohn nicht mehr ins Stadion gehen kann, wird sie anrufen. Als guter Sohn geht man ran, könnte was Schlimmes passiert sein. Man hofft es nicht und legt das Telefon nach einem ungesehenen ersten Drittel zur Seite.

„2:0 für die Grizzlys“, leuchtet auf der Anzeige. Und just in dem Moment, als der Schiedsrichter auf Penalty für den Gegner entscheidet, wird es an der Tür klingeln. Der Pizzabote. Das Gesicht kommt bekannt vor. Ein prä-corona-semi-bekannter Rockgitarrist, dessen finanzielle Rücklagen leider nur aus Pfandflaschen bestanden. Noch so ein Umschüler.

Klar, man kann TV-Spiele anhalten, komplett aufzeichnen und später schauen. Echt jetzt? Später? Hat man da nicht längst ganz versehentlich den Ergebnisdienst im Videotext auf Seite 200 wiederentdeckt? Und Meeresfrüchte-Pizza gegen Stadionwurst einzutauschen kann keine gute Idee sein. Daran gewöhnen sollte man sich nie. Allein deshalb darf man den Puckdown richtig ekelig finden. Sonst geht es vielen am Happy Coronaende wie den Fußball-Sky-Couchpotatoes, die zufrieden mit der Mattscheibe ein seltsam trostloses Leben führen müssen. Und auch sonst so aussehen wie dubiose Welpenhändler und Versicherungsvertreter, die ihr Glück erst im Homeoffice fanden.

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Dies ist eine Kolumne von Frank Bröker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

Frank Bröker ist Musiker, Komponist und Autor. Er ist Eishockeyfan und -experte und schrieb bereits sieben Bücher zu diesem Thema, unter anderem für den Verlag Andreas Reiffer.