Im letzten Spiel bei den Pinguinen gab es reichlich Kritik am Kommentator, auch unser Kolumnist wirft einen kritischen Blick auf die Moderierenden. Foto: Agentur Hübner

Der Globus, das soziale Leben schrumpfen weiterhin zu überschaubaren Landkarten. Man mag kaum noch in die Zeitung schauen oder den Fernseher anzuknipsen: Corona überstrahlt alles. Wie schön, dass es Ablenkung, dass es Eishockey gibt. Entschlossen, forsch, beherzt und couragiert, den Rost aus der Stimme spülend, sitzen wir da und schauen mit puckrunden Augen, wie die Zamboni anmutig übers Eis fährt. Egal, welches Spiel gleich gezeigt wird. Man nennt es „Pro Bono“ und es bedeutet: Gutes um des Guten willen tun. Von Frank Bröker.

Importspieler im Anflug

Eishockey lebt – erst recht in diesem Kohlrüben-Lockdown-Winter. Die Corona-Saison nimmt weiter Fahrt auf und beschert MagentaSport Rekordquoten. Wir sehen Wundertüten-Spiele, jede Menge Zusatzschichten und nur in der Nordgruppe einen sicheren Punktelieferanten, die Krefelder Pinguine. Schnell zischt die Scheibe übers Eis. Kein Wunder, der Spieltagrhythmus ist jetzt nordamerikanisch und der Trainingsschliff findet trocken im Mannschaftsbus und nass beim Warm-up statt. Bisher musste keines der DEL-Teams in Quarantäne und selbst wenn Spielausfälle zu beklagen wären, würden sich die Tabellenstände nach einem ausgeklügelten Punkteschnitt (Quotient aus Punkten und Anzahl der gewerteten Spiele) gerecht gestalten.

Erste Teams rüsten mit Importspielern nach. Mehr Tiefe im Kader ist grundsätzlich gut. Aber! Rumort es da nicht in den Kabinen? Vor der Saison wurden die Gehälter auf Mindestlohn gedrückt, Staatshilfen sicherten klamme Etats. Schwupps zieht manches Management einen neuen Kanadier aus dem Hut. Zugegeben: einen günstigen Kanadier. Doch vielleicht spielt Geld einfach mal keine so große Rolle wie sonst und wer will schon abgeschlachtet am Tabellenende neben Krefeld festkleben? Eben. Wie geht es uns, daheim auf dem Lockdown-Sofa?

Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten (Oscar Wilde)

Vorab: Die thinXpool TV GmbH produziert über 1.500 Live-Events pro Jahr, arbeitet für MagentaSport und bringt uns all die schönen Eishockeybilder nach Hause. Jörg Krause ist seit Kurzem „Head of Communications“. Sagt Ihnen beides nichts? Weder die angeberisch-kreative Berufsbezeichnung noch der Name? Journalist Krause war vorher bei Sport1 und hat das aus dem Frühschoppenformat „Doppelpass“ bekannte Dudenwort „Phrasenschwein“ erfunden.

Zur Erinnerung: um einen Tisch herum sitzen Fußballexperten, die nach Absonderung nichtssagender Bullshit-Bingo-Sätze Münzen in ein Porzellanschwein werfen. Beispiele? „Am Saisonende steht jeder da, wo er hingehört.“ Pling. „Erst kein Glück und dann kommt noch Pech dazu.“ Pling. „Was du vorne nicht machst, kriegst du hinten rein.“ Pling.
Die schweinischen Erträge kommen wohltätigen Zwecken zugute und da besonders Fußballexperten Bullshit Bingo-Könige sind, dürfte das gesamte Elend der Welt bald besiegt sein. Da müssen wir im Eishockey gar kein Schweinchen mehr dazustellen, könnten es aber für die Nachwuchsförderung tun. Zumal Krause doch jetzt an den Magenta-Hebeln dreht.

Da es viel zu selten Eishockeytalk gibt, sollten die Phrasenschweine in die Reporterkabinen einziehen, wo „das Glück des Tüchtigen“ mit der „kalten Hosen eingenetzt“ wird. Von wo aus Spieler interviewt werden, die „Ich freue mich über mein Tor, aber wichtiger ist der Erfolg der Mannschaft” und „Wir denken nur von Spiel zu Spiel“ aufsagen.
Dass man die keuchenden, schwitzenden, am roten Helmabrieb wahrzunehmenden Akteure überhaupt in den Drittelpausen mit Fragen belästigt (die eben solche Antworten erzeugen), sei dahingestellt. Oder sind es die Werbekleber im Hintergrund, die billige Interviews erst notwendig und unsere Cracks zu Testimonials stilisieren?

Das Spiel wegen des Kommentators verloren

Eishockeymannen sind Künstler, hart fightende Kreative. Teils berühmter als Jesus. Rockstars und Schlagersänger (Leon Niederberger!), die auf Messern gehen. Was wäre wohl los, wenn dem leicht reizbaren Frontmann einer Metalband in der Konzertpause jemand fragen würde, ob er noch einen Zahn zulegen könne? Urschrei, Trümmer, Termine beim Kieferorthopäden.

Die dümmsten Fragen („Was wird der Coach nach dem sechsten Gegentor gleich in der Kabine sagen?“) passieren eher jenen Schlaumeiern, die abseits der Weisentruppe aus dem Morgenland (Top: Goldmann, Bandermann, Schwele im Schlepptau mit dem vom Friseur-Lockdown hart getroffenen Patrick Ehelechner) auf Volontariatsniveau werkeln. Zumeist handelt es sich um Lokalkoloriten, deren Herz unüberhörbar für den Heimatclub pumpt.

So mag es nicht verwundern, dass mancher Fan Sofa-Hooligan wird und sich nach Spielende zu rüden Kommentaren in den sozialen Medien versteigt („Der verf… Reporter war eindeutig für Iserlohn!“). Dass bisher niemand in die Tasten drosch: „Wir haben nicht wegen der Schiedsrichter verloren, sondern wegen des Kommentators“, verwundert. PS: Wer bei Wolfsburg-Spielen noch einmal „Görtz ist ein Profi, der viel wegstecken kann“ mit deutschem „G“ phrasiert (obwohl das schwedische „J“ Pflicht ist), bezahlt mir meine nächste Pizza Perverso (Bratwurst, Pommes, doppelt Käse, scharf) und gibt dem Boten ausreichend Trinkgeld dazu.

Ein Gefühl für Netflix-Junkies

Wie werden wir nach dieser digitalen Saison aussehen? Nach zwei Spielen pro Tag? Wo doch jetzt auch noch NHL TV den Puck eingeworfen hat, um Stützle, Kahun, Draisaitl, Grubauer und Co. bei der Arbeit vor leeren Rängen zusehen zu können. Sind die DEL-Matches durch, heißt es zu unchristlichsten Zeiten: Wecker stellen, Hockey schauen, zur Arbeit schwanken, gerne ein Zimmer weiter, ins Homeoffice. Man bekommt ein Gefühl für Netflix-Junkies, für ein ungesundes Leben. Und liegt es auch nur am Rauchen.

In den Eishallen des analogen Lebens ist (oder besser: war) Rauchen verboten. In den Pausen zog man draußen hastig zwei Kippen durch, um sich anschließend Richtung Zapfschlange zu beeilen. Mit Bier oder Glühwein in Händen raste man zum Platz zurück, um ja kein Anbully zu verpassen. Zuhause wird ohne Not geraucht bis die Aschenbecher überquellen und die Getränke gehen bei schlauer Bevorratung nie aus. Ergo: Nach den Playoffs muss die Brauchbarkeit des Organspendeausweises dringend überdacht werden.

Der Zahn der Zeit

Woran man als Eishockeyfan merkt, dass man alt wird? Wenn die Helden aus frischeren Tagen in Rente gehen. André Rankel und Florian Busch zum Beispiel. Zwei aus dem berühmten 1985er-Jahrgang der Eisbären Berlin. Besonders Busch fehlt. Der neben allen Trophäen im September 2011 TV-Dödel Joko Winterscheidt mit einem zwar verabredeten, aber hinterher krankenhauslastigen Monster-Open Ice-Hit ins Reich der schweigenden Mikrofonmänner beförderte.

Der drei Jahre zuvor einem unangemeldeten Doping-Kontrollfreak an der Haustür klar machte, dass er statt in einen Becher zu pullern, sich lieber mit der Freundin vergnügen wolle. Die Situation eskalierte, später sah der Center den Fauxpas ein und unterzog sich der alles andere als würdigen Prozedur. Ende vom Lied: obschon das Ergebnis negativ war, landete der Fall vor Gericht. Busch zog sich aus der Nationalmannschaft zurück, weil er mit der „elektronischen Puller-Fußfessel“ nicht zurechtkam.

Sein Name bleibt in der Liga. Denken wir an Wolfsburgs Durchstarter Valentin Busch und freuen uns an dieser Stelle über das Comeback von Teamkollege Janik Möser, der seit Kurzem wieder auf dem Eis steht.

Cortinas Taktik beim Jägermeister

Zurück zum Älterwerden: besonders blöd ist es für uns Fans, wenn treue Publikumslieblinge das Trikot wechseln und gegen die eigenen Farben in die Schlacht ziehen. Wie Brent Aubin, der nach sieben Grizzly-Jahren keinen Vertrag mehr bekam, in Iserlohn anheuerte, und an der kürzlichen Niederlage gegen die Roosters merklich-schmerzlich beteiligt war.

„Tja“, wurde Coach Pat Cortina hinterher, nach den erneut unnötigen Punktverlusten zitiert: „Das liegt an meiner Taktik, die hat noch nicht jeder verinnerlicht.“ Klingt so, als würde man von einer Getränkekarte überrascht werden, auf der geschrieben steht: „Jetzt neu: Jägermeister mit ICE“. Mal ehrlich: Haben Sie wirklich gerade an Jägermeister auf Eis gedacht oder sich gefragt, was die Deutsche Bahn mit Schnaps aus Wolfenbüttel zu tun hat?

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Dies ist eine Kolumne von Frank Bröker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

Frank Bröker ist Musiker, Komponist und Autor. Er ist Eishockeyfan und -experte und schrieb bereits sieben Bücher zu diesem Thema, unter anderem für den Verlag Andreas Reiffer.

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