Mitten im Halbfinale blickt unser Kolumnist auf den Weg dahin und die erste Begegnung mit den Adlern. Foto: Grizzlys Wolfsburg/City-Press GmbH

Damit man dem Eishockeygott zeigt, was im Ernstfall geht, wurden die Playoffs erschaffen. Selbst Hauptrunden-Touristen (Ingolstadts Louis-Marc Aubry, der halbe Wolfsburger Sturm von Rech bis Olimb uvm.), wachsen über sich hinaus. Und wo wir schon bei den Happy-Halbfinal-Grizzlys sind: Wenn ausgerechnet der lange überzählige Blueliner Philipp Bruggisser in der Verlängerung den Puck zum Overtime-Gamewinner ins Bremerhavener Netz zimmert, tja, dann sind eben Playoffs. Von Frank Bröker.

Quick Turnaround

Zu übersetzen mit „rasche Abwicklung.“ Ähnlich: „Jeff Likens-Quick Turnaround.“ Bedeutet: Eben noch nach Bandencheck ins Krankenlager (schmerzhafte Oberkörperverletzung, näheres erfährt man nie), wenige Tage später wieder eisenharter Abwehrmann. Oder: In Topform raste München in die Playoffs, im Schnellwaschgang schied der große Favorit nach zwei Spielen gegen Ingolstadt aus und verstand die Welt nicht mehr.

So schnell kann es gehen: eine vermeidbare Strafe, ein verpatzter Rebound, ein Scheibenverlust, ein feindlicher Pass auf dem „Tor“ draufsteht: Uhr tickt runter, Nerven liegen blank, Ende, Untergang, Urlaub (bloß wo?). Aber so ist das nun mal in einer verkürzten Playoff-Serie, die übrigens zum ewigen Geschäft in der Eishockeybundesliga der Frauen zählt.

Rasch wird sie also abgewickelt, die Saison 2020/21. Denn wenn sich ein Playoff-Team in Corona-Quarantäne begeben muss, war es das. Wer raus ist, ist raus. Nachrücker gibt es nicht. An so ein Szenario wollen wir gar nicht denken. Es reicht schon, dass die Playoffs bald schon wieder vorbei sind. Noch ehe wir überhopft das Kühlschrank-Checken daheim so richtig draufhaben. Und überhaupt: Was mache ich nach der Meisterfeier mit einem MagentaSport-Abo? Lebenszeitverschwendende Maßnahmen einläuten, drittklassigen Fußball schauen (Halle gegen Zwickau) gewiss nicht. Im Mai soll es noch eine Männer-WM geben. Da sich die besser vermarkten lässt, als eine kurz vorm Anbully abgesagte Frauen-WM, wird sie kaum ausfallen. Aber danach? Was kommt danach? Wettangeln im Spreewald mit ACDC? (Zander!)

Ein Pavel-Gross-Move und verlangsamte Berliner

Nicht jedes DEL-Team kann in einem bis dato völlig verkorksten Match auf einen Pavel Gross-Move zurückgreifen und das vielzitierte „Momentum“ auf seine Seite ziehen. Wer beim Do-or-die-Stand von 0:3 im Viertelfinale bereits ab Minute zehn vor Schluss den Goalie gleich zweimal zieht, so zum Ausgleich kommt und in der Overtime gewinnt, darf während der Pressekonferenz genüsslich in eine Klagschale pullern und total entspannt grinsen. Auch wenn der Gegner eben noch Straubing hieß. Und (noch) nicht Wolfsburg, Ingolstadt oder Berlin.

Die Eisbären hebelten den Kontrahenten aus Iserlohn geduldig eine Spur besser aus und zogen nach drei Spielen ins Halbfinale ein. Wobei den Sauerländern eine lange Ausfallliste mit wenig Resttiefe im Kader zum Verhängnis wurde.

Wenig später trafen ausgeruhte Ingolstädter in der Hauptstadt ein. Spritzig, mit einem eher lockeren Verhältnis zur gegnerischen Gesundheit. Und da Berlins Abwehr (samt Umschaltspiel) besonders im zweiten Drittel phasenweise an eine stark verlangsamte Kräuterfreundetruppe mit Denkerpech gemahnte, fuhr Ingolstadt mit der Serienführung vom Eis. Sinnbildlich: Wenn alte Recken wie Frank Hördler beim Turnaround an der Blauen über sich selbst den Kopf schütteln, will das was heißen. Matchpuck Ingolstadt. Und auch …

Matchpuck für die Adler und Cortinas Schöpfung

Das erste Duell der Overtime-Sieger Mannheim und Wolfsburg ging mit 4:1 an die SAP-Hausherren. Woran lag es aus Wolfsburger Sicht? An einem alten Saisonhut, der Chancenverwertung. Nennen wir es ruhig „Chancengaunerei“, um die Phrase „Wer vorne die Tore nicht macht, wird hinten bestraft” nicht strapazieren zu müssen.

Alle Crunch-Time-Relevanzen (Entschlossenheit, Disziplin, Standfestigkeit) waren mit beschlagener Brille deutlich zu erkennen. Ja, die Scheiben flogen Goalie Endras im Mannheimer Kasten um die Maske, ans Kreuzeck, an den Schoner, in die Fanghand. Bis ins letzte Drittel hinein sah Coach Pat Cortina sich … jetzt wird es biblisch (1.Mose 1,126) … alles an, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut. Doch Morbus Kobold, der fiese Puck, spielte nicht mit. „Wir brauchen zwei Tore, keine zwei Minuten,“ rief Cortina flehentlich, die Augen zum Videowürfel gerichtet. „Oder zumindest zwei Minuten Überzahl.“
Die Schiedsrichter grinsten nur und von Ferne klapperte die Strafraumtür. Ein Geräusch, das Cortina noch die ganze Rückreise nach Wolfsburg verfolgen sollte.
Da ward aus Abend und Übermorgen der nächste Spieltag. Er sollte Himmel und Erde mit einem orange-schwarz-weißem Heer überstrahlen. Von Ferne klapperte die Tür ins Finale. Game ohne Over. PS: Lieber Eishockeygott: Deal?

Heiliges Krönchen am Rande: Alle Befürchtungen, dass sich unsere Cracks im Laufe der Pandemie-Saison zu Corona-Wissenschaftlern aufspielen, traten bisher nicht ein. Für Schauspieler (aka: Schwalbenkünstler im Film „Kleinhirnküken“) haben wir schließlich einen DEL-Pranger namens „Diving List.“

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Dies ist eine Kolumne von Frank Bröker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

Frank Bröker ist Musiker, Komponist und Autor. Er ist Eishockeyfan und -experte und schrieb bereits sieben Bücher zu diesem Thema, unter anderem für den Verlag Andreas Reiffer.