Vergangene Woche endete die bislang kürzeste Finalserie der DEL zugunsten der Berliner. Foto: Grizzlys Wolfsburg/City-Press GmbH

Später Start um Weihnachten, Minimum drei Spiele pro Woche, verkürzte Playoffs. Leere Hallen, ein nie dagewesener Run auf Chipstüten, Kautschbier und MagentaSport. Ein Pavel Gross, der in der Pressekonferenz nach dem Halbfinalgaraus der Mannheimer den Gallenröhrling in der Pilzpfanne abgab. Traurige Wolfsburger, ein 100. Deutscher Meister aus Berlin im goldenen Lamettaregen. Die DEL hat eine vor allem finanziell knifflige, am Ende aber sportlich saubere Saison hinter sich gebracht. Wer hätte das gedacht? Von Frank Bröker.

Offensive Spielerrevolte

Niemand. Und dass Wolfsburg Pavel Gross‘ Starensemble im Halbfinale ausschaltet auch nicht. Als im entscheidenden dritten Serienspiel Mannheims Plachta in der eigenen Zone zu lässig mit der Scheibe hantierte, Max Görtz Hintertürgummi gab und Dennis Reul eine Kufe an den Gegner vermietete, standen die Grizzlys drei Minuten später dort, wo man es über weite Saisonstrecken hinaus nie vermutet hätte: im Endspiel.

Den Ausschlag dafür gab eine junge Mischung offensiver Spielerrevolte, gewürzt mit Old-Cortina-Beton-Taktik plus eines glänzend aufgelegten Dustin Strahlmeier im Tor als Sahnehaube. Und, by the way, trug sicherlich die Suspendierung von Jordan Boucher (nach dem 1:4 gegen Augsburg in der Verzahnungsrunde) zum Guten, vielleicht „Teamspirit“ geheißen, bei. So rückte der vormals überzählige Ausländer Phillip Bruggisser ins Line-Up und ackerte sich zum Felsen an der Blauen Linie heran.

Lucky Bounce

Warum Boucher verbannt wurde, sickerte bis dato nicht durch. Um es herauszufinden, müsste man vermutlich das Eishockey-Darknet bemühen. Jedenfalls fanden Pavel Gross‘ Mannen keinen Wolf und keinen Weg, Spiel 3 zu entscheiden. Über die Volldampf-Statistiken (pro Mannheim) konnte hinterher nerden, wer wollte. Ein Lucky Bounce entschied alles.

So geht Eishockey und als Verlierer findet man sich hinterher schnell damit ab. Zumindest zettelten die Mannheimer keine Schlägereien an und verwandelten sich in Wehrwölfe. Einzig Coach Gross sah so aus, als sollte man ihm in den Stunden nach Mitternacht nicht begegnen. Denn schuld am Fiasko war (nach seiner Fasson) die Liga, und zwar wegen allem, was eingangs hier erwähnt wurde. Außer Chipstüten, Kautschbier und MagentaSport – das sich gefühlt eher auf ein Finale Mannheim gegen Berlin (mit noch mehr Quote) gefreut hätte. Doch gegen Görtz‘ Puckhebel an Reuls Kufe war selbst Mikro-Experte Christoph Schubert machtlos. Bären unter sich, hieß es fortan. Wolfsburg gegen Berlin, das seine Hausaufgaben gegen Ingolstadt holprig aber effektiv und ebenfalls über die volle Distanz erledigen konnte.

Spiel 1: Weißer Bär mit schweren Beinen

Berlin ließ sich bitten und verlor standesgemäß Spiel 1 zuhause. Wenn auch erst in der 18. Minute der Overtime, als Julian Melchiori den entscheidenden Treffer gegen einen stehend schlaffen Gegner erzwang. Ein tolles Tor, das die Sinnhaftigkeit pünktlicher Shifts unter Verwendung der vierten Energy-Reihe einmal mehr unter Beweis stellte. So verloren eben nicht die Eisbären-Spieler das Match, sondern einzig und allein der Coaching-Staff.

„Das wird nie wieder passieren,“ mag man sich auf Berliner Seite hinterher geschworen haben und änderte vor Spiel 2 die Taktik genau in die genannte Richtung.

Spiel 2: Weißer Bär erlegt braunen Bären

Mit einer Mischung aus Frühstör-Überfall-Kommando und der Gewissheit auf Sonnenscheintage für Berlins Goalie Niederberger, kam Wolfsburg nicht zurecht. Spätestens nach dem 0:2 in Minute 28 hätte es eine Auszeit gebraucht, in der Pat Cortina den Leitwölfen zubrüllt: Jetzt übernehmt Ihr, ich zieh mich bis zum Ausgleich auf ein Beton-Wässerchen zurück.

Doch all das passierte nicht und die Grizzlys wurden in längst vergessene Saisonzeiten zurückkatapultiert. Am Ende mit der Gewissheit: Matchpuck vergeben. Und der Idee: Berlin wird schon passiver werden im entscheidenden Spiel 3.

Spiel 3: Weißer Bär tanzt

Doch: Pustekuchen. Selbst Olimbs Ausgleich, der nach Valentin Buschs verbotenem Pass ohne Helm zustande kam, änderte nichts mehr daran. Beide Teams brannten Feuerwerke ab und ließen in den Slots kaum etwas zu. Und dann verlor Wolfsburg ausgerechnet Kai Wissmann aus den Augen, der Leo Pföderl mustergültig aus Gretzkys Büro bediente. Minute 24 des 2. Drittels entschied über die Meisterschaft. Aber eigentlich Spiel 2, was bei aller Cortina-Wertschätzung über das Erreichen des Endspiels Tage später zu dessen Abschied führte. Im Gedächtnis bleibt: Spieler stützen sich auf Schlägern ab, Blicke gehen wie nach 20 Semestern Philosophiestudium ins berühmte Leere.

Für die Zukunft: ein Dobermann

Pat Cortina, der schüchterne Taktikhund, ist also von Bord, Dobermann „Iron Mike“ Steward übernimmt ein Team, das größtenteils zusammenbleiben und erneut auf eine erste Meisterfeier hinarbeiten wird. Mit Bremerhaven wurde Steward Zweitliga-Meister, Trainer des Jahres und unvergessener Schiedsrichter-Schimpfling. In der DEL küsste er die Augsburger Panther wach und führte sie in die Champions Hockey League. In Köln verzockte er sich zuletzt, das Team hatte genug vom Dobermann und verlor 17 Mal hintereinander. Aus die Maus, Uwe Krupp übernahm.

Das war im Februar 2020. Ach, Februar 2020. Die Zeit vor Corona. Da wird man ganz sentimental. Egal aus welchem Grund.

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Dies ist eine Kolumne von Frank Bröker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

Frank Bröker ist Musiker, Komponist und Autor. Er ist Eishockeyfan und -experte und schrieb bereits sieben Bücher zu diesem Thema, unter anderem für den Verlag Andreas Reiffer.