Das “Papplikum” ist nur eins der Dinge, die in dieser Saison anders sind als sonst. Foto: Grizzlys Wolfsburg/City-Press GmbH

Der 100. Deutsche Eishockeymeister wird ausgespielt. Unser Autor klebt mit expliziter Leidbereitschaft wie Gehacktes am Magenta Sport-Endgerät. Von Frank Bröker.

DaDaDaDiDa (Einleitung enthält Produktplatzierung)

Es war einmal. In grauer Steinzeit stand der Buchstabe T einzig fürs Telefonieren und hatte (aus westdeutscher Sicht) einen Bundespostdraht. Heute steht das T für Telekom, geprägt durch ein ausgeklügeltes Corporate Design in der Koloration „Tele(kom)magenta“, Soundlogo: „DaDaDaDiDa,“ Big Sponsoring: FC Bayern München (unbeirrter Hochnasenfußball).

Der Buchstabe vor dem T stand einst synonym für Sport, wurde mittlerweile auch von der T-Hydra gekapert und dem Pay-TV-Angebot „Magenta Sport“ einverleibt. Eishockeyfans, die einen T-Netzvertrag besitzen, können für umme beim S in der „Penny-DEL“ dabei sein. Auch wenn sie beim Werbepartner der höchsten deutschen Eishockeyliga Hausverbot haben oder lieber zu Netto gehen. Die anderen – dazu zähle ich – leisten den jährlichen Gegenwert eines Familienmenüs von der Akropolis-Karte mit Lieferservice. Zum Griechen hingehen klappt ja gerade nicht. Wie ins Stadion. So muss es das S-Abo richten, auch ohne mit dem T gesamtvertraglich verpartnert zu sein. Warum ich das große T nicht mehr haben will, ist schnell erzählt.

Bis das staatlich garantierte Kommunikationsmonopol verlustig ging, war der Laden zu mir so fair wie ein Check von hinten. Lange bevor Service Bots genervte „Online-User“ hentai-unartig antanzten und fragten, wie man nicht helfen, sondern lernen könne, wartete ich Ende der 1990er-Jahre auf einen umzugsbedingten Neuanschluss. Sprich: auf einen hausmeisterlauten T-Strippenzieher mit ungenauer Terminvergabe (in der Woche von bis zwischen 8 und 16 Uhr). Dies, um endlich wieder zu telefonieren und dem Knackzischen des Modems lauschen zu können, über das man in handyloser Zeit dereinst ins Internet tröpfelte.

Doch die Erfinder der Warteschleife im Paralleluniversum „Callcenter“ ließen mich zappeln. Bis doch jemand fluchend aus einer nach Buletten riechenden Konstruktionswagenhölle kroch. Einzig um zu sagen, dass passendes Werkzeug fehlen würde, was sich letzthin nur als Spitze des Eisbergs herausstellen sollte. Eine Selbsthilfegruppe hätte T wie Trost spenden können. Eine, die über Rauchfeuer zu erreichen gewesen wäre. Ende vom Lied: Als es möglich war, schloss ich mich einem anderen Anbieter an und verließ die (einst) dunkelrote Seite der Macht. Bisher gab es wenig zu klagen. Also – danke an das T fürs S. Mehr Produktliebe geht an keinem DEL-Spieltag.

Hurra, Hurra, das Papplikum ist da

Inzwischen sind die ersten Matches der neuen Saison durch, der 100. Deutsche Meister darf ausbaldowert werden. Und weil Corona ist, immer mit der Angst verbunden, alles könne nach mehr als neun Monaten Zwangspause stante pede wieder vorbei sein.
Auf die Konten der meisten Clubs möchte man jetzt nicht schauen; Profieishockey hängt – abseits großer Mäzene wie Mannheim oder München sie haben – hauptsächlich am Geldtropf der Fans und wäre als reines TV-Binch-Produkt ohne staatliche Fürsorge mausetot. Tja – und die gab es. Das Gros der Spieler nahm zudem Gehaltskürzungen in Kauf, wurde verliehen, die Club-Budgets auf knappe Kante genäht und mit dem Rheinderby Köln gegen Düsseldorf begann, was so beginnen musste. Ein fauler Zauber, aber ein Eishockeyzauber. Besser als jede wohlstandsbäuchige Dart-WM, also besser als nichts.

Ohne Zuschauer in den Hallen ringen Stadionsprecher mit Rückkopplungen, Moderatoren mit rutschenden Stoffmasken (nuschelt man Anthony Rech, geboren in Sallanches, Frankreich oder Chet Pickard aus Moncton, New Brunswick/Kanada, englisch oder frankophon aus?). Der 7. Mann ist mit Konterfeis (gerne plus Bierbecher) als „Papplikum“ vertreten. Chapeau! Keine Krise ohne Kanzlerin; in Mannheim wurde ein Angela Merkel-Aufsteller hinter der Spielerbank gesichtet.

Ränge und Sitzschalen sind verdunkelt oder mit Bannern und Sponsorenlogos verhüllt. Nach der Einlaufgeistershow gemahnt alles an ein hochmotiviertes Trainingsmatch unter lautem Kommandogebrüll (Losloslos! vs. Gogogo!) und scharfer Verzweiflungsrhetorik (Meine Fresse! vs. My godness!). Pucks und Schläger krachen, Kufen kratzen, gegen die Stille vorm Bully schnauben Belüftungsanlagen an.
Weil es mehr Corona-Fälle als Vorbereitungsmatches gab, sind die eh dünn besetzten Reihen kaum eingespielt. Das sogenannte „Puckmanagement“ läuft (noch) nicht rund. Geboten wird phasenweise mehr Ententanz als Bolero.

Startschwierigkeiten

Und so lässt sich mein bereits nach dem siegreichen Debüt der Wolfsburger gegen Krefeld notierter Satz: „In den Anfangsminuten hätte es für die Grizzlys selbst gegen ein Thekenteam aus Salzgitter massive Probleme gegeben“ auf den Punkt bringen: Nie war ein Saisonstart schwerer, waren die Gründe für Niederlagen nachvollziehbarer. Das weiß auch Coach Pat Cortina, dessen bekannteste Gesichtsausdrücke „fragend durch die Gegend schauen“ und „Wackeldackel-Optimismus verbreiten“ von den Kameras in den folgenden Spielen ein ums andere Mal eingefangen wurden.

Doch, wir wissen es alle: An Feinjustierungen lässt sich arbeiten. Wie einst bei VW am Dieselmotoren-Band. Gerne auch an diesen Szenen: Grizzly Max Görtz, vor kurzem mit Fliegauf-Diamantenauge in Schweden eingetütet, vermag so viele One-Timer aufs Tor zu zirkeln, wie er will. Aber Vorsicht! Prallt der Puck zurück, bringt man (noch) eher einer Katze das Apportieren bei, als der Defense konsequent die Blaue Linie zu halten. No-look-Pässe, die ihren Namen auf uncharmante Art verdienen, lassen den Forecheck ins Abseits laufen und so sind es eben (noch) die kleinen, unbesonnenen Missgeschicke, die wichtige Punkte gegen Augenhöhe-Teams aus Iserlohn und Köln fressen.

Aus Not eine Tugend machen

Gewöhnen möchte man sich an die Corona-Spartakiade nicht. Nur eines ist wirklich klasse. Weil die Kassen leer sind, sehen wir so viele frisch lizensierte Talente (auch vermehrt U18-Cracks mit Vogelkäfighelmen) wie noch nie. Und zwar nicht als überzählige Bankwärmer.
Da hüpft das Eishockeyherz glatt im Drei-Drittel-Takt und schielt mit einem Auge rüber nach Edmonton, wo sich die U20 tapfer ins Viertelfinale der Topdivision kämpfte.

Ganz neu ist obendrein: Youngsters dürfen Fehler machen und werden nicht gleich nach schändlichen Düpierungen zum Lernen vor den Fernseher gesetzt. Denn da sitzen wir ja schon und stellen uns bei jedem Powerbreak, die unvermeidliche T-Werbung ignorierend, große Fragen. Etwa diese hier: „Kann mal jemand die leeren Flaschen vorm nächsten Match entsorgen?“

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Dies ist eine Kolumne von Frank Bröker. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

Frank Bröker ist Musiker, Komponist und Autor. Er ist Eishockeyfan und -experte und schrieb bereits sieben Bücher zu diesem Thema, unter anderem für den Verlag Andreas Reiffer.

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