Ex-Löwe Dieter Zembski berichtet von einer Zeit, als Fußball noch richtig weh tat. Fotos: Neubauer/privat

Region. Geht man davon aus, dass das Kapital eines Bundesligisten zum Großteil im Kader der Spieler steckt, kommt man zwangsläufig zum Schluss, dass die größtmögliche Aufmerksamkeit darauf verwendet wird, dieses Kapital im Wert zu erhalten – Ergo: Alles Erdenkliche für die Gesundheit und Fitness der Spieler zu tun. Von Dieter Zembski.

Ich möchte heute über Zeiten schreiben, in denen ein “nebenamtlicher” Vereinsarzt und ein Masseur genügen mussten, eine Mannschaft fit und gesund zu halten. Und dass die Qualifikation dieser beiden Parteien entscheidend für schnelle und fachgerechte Heilung von Verletzungen waren – oder auch nicht …

1975 kam ich von Werder Bremen zur Braunschweiger Eintracht. Ich hatte 179 Bundesligaspiele auf dem Buckel und zuvor noch nie nennenswerte Verletzungen zu beklagen gehabt, außer den üblichen Dingen des Fußballalltags: Platzwunde am Knöchel (gegen Braunschweigs Achim Bäse – musste genäht werde, meine Schuld!), Muskelverhärtungen, Schultereckgelenksprellung, Leistenzerrungen – also alles vollkommen normale Dinge des Profis. Ich hatte noch nie einen Muskelfaserriss! Und diese Tatsache führte zu meiner schwierigsten und bedrückendsten Phase als Fußballprofi.

“Eintracht hat einen ‘kaputten’ Spieler gekauft!”

Im ersten Spiel der Saison 75/76 mit der Eintracht mussten wir gegen den FC Bayern in München antreten. Die Vorbereitungszeit hatte ich genutzt, um meinen Einkauf und die damit verbundene Ablösesumme zu rechtfertigen. Ich stand als rechter Verteidiger in der Startformation, die zur Halbzeit 1:0 führte (Endstand 1:1). Dann kam die 54. Spielminute. Ein schneller Antritt und ein “Messerstich” im hinteren rechten Oberschenkel. Ein Schmerz, den ich nicht kannte und der es mir nicht erlaubte weiterzuspielen. Zuhause angekommen, begab ich mich in die Hände unseres damaligen Vereinsarztes (Name spielt keine Rolle). Seine Diagnose war richtig: Muskelfaserriss! Seine Behandlung war allerdings eigentümlich – so will ich es nennen.

Er verordnete mir Fangopackungen und anschließende Wärmebehandlung. Im Vertrauen auf sein Wissen ließ ich alles über mich ergehen. Nach vier Wochen Behandlung und leichtem Lauftrainings dann die erste Belastung: wieder ein Messerstich im hinteren rechten Oberschenkel! Ich war verzweifelt. Die Presse argwöhnte, Eintracht habe einen “kaputten” Spieler gekauft! Meine Kinder mussten sich derbe Worte in der Schule und meine Frau dementsprechende Kommentare beim Einkauf anhören. Ich musste handeln! Ich ignorierte die Meldepflicht eines Spielers bei fremdärztlicher Konsultation, rief meinen vertrauten Arzt Dr. Hirschfeld in Bremen an, der mich sieben Jahre betreut hatte: “Morgen früh um zehn bist du bei mir, mein Junge”.

3.400 Kilomter in zehn Tagen helfen

Ich also morgens heimlich um zehn Uhr nach Bremen. Dort wurde mein mittlerweile total verklebter Oberschenkel von zwei Physiotherapeutinnen mit Friktionsmassage bearbeitet – ich den Knebel im Mund. Dann wurde durch punktuelle Massage die Verklebung gelöst. Das machte ich zehn Tage lang – umgerechnet 3.400 Kilometer! Morgens mit dem Auto nach Bremen, nachmittags in Braunschweig leichtes Lauftraining.

Dann der erste richtige Belastungstest: Ich jubelte! Der Oberschenkel hielt. Ich war wieder der Alte!!! Ich konnte wieder lachen, meinen Kindern ging es besser und meine Frau konnte wieder etwas stolz auf ihren Mann sein. Übrigens: Mein darauffolgendes Gespräch mit unserem damaligen Geschäftsführer sorgte für einen Wechsel in der ärztlichen Verantwortung. Ich machte danach noch insgesamt 122 Spiele für die Eintracht. In bester körperlicher Verfassung. Ohne Fangopackungen und Lichtbogen.

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Dies ist eine Kolumne von Dieter Zembski. Die Meinung des Autors entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion. 

Foto: Vollmer

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